MOBBING IM HOMEOFFICE

Es gibt sie auf jedem Pausenhof: Kinder, die andere peinigen. Bei uns hiessen sie Stefan und Karin. Stefan war boshaft, ein mittelmässiger Schüler, aber körperlich überlegen. Karin hat hinterrücks gelästert, Freundschaften sabotiert, Scheue öffentlich blossgestellt.

Früher gab es dafür kein Wort, heute heisst es Mobbing. Oder vielmehr Cybermobbing, da sich vieles davon ins Internet verschoben hat. Bei Kindern und Jugendlichen ist dieses digitale Quälen via Chats, Bilder und soziale Meiden mittlerweile gut untersucht.

Das Problem: Dieses Verhalten wächst sich nicht aus. Mobbing passiert später nicht mehr in der Schule, sondern im Büro. Und da viele Menschen auf unabsehbare Zeit digitaler arbeiten als früher, hält Mobbing auch Einzug ins Homeoffice.

Es passiert während Video-Sitzungen, wenn parallel auf dem privaten Handy über Kollegen gespöttelt wird. Es passiert, wenn Teammitglieder in virtuellen Sitzungen übergangen oder gar nicht mehr dazu eingeladen werden und Informationen verpassen. Es passiert, wenn Mitarbeiterinnen einfach nicht zu Chat-Gruppen hinzugefügt oder Gerüchte digital gestreut werden. Cybermobbing in Extremform ist immer da, zu jeder Stunde, mit nächtlichen Anrufen, Mails oder SMS voller Anweisungen und Druck. Es gibt keine Timeouts mehr, keine Pause vor dem digitalen Terror. Opfer schlafen nicht mehr, leben in ständiger Angst.

Überwachungssoftware meldet Mobbing

Es deutet vieles darauf hin, dass Cybermobbing während der Pandemie zugenommen hat. Bloomberg berichtet beispielsweise von Arbeitsrechtlern, die Alarm schlagen, aber auch von Überwachungssoftware-Herstellern. Diese Anwendungen sollen eigentlich bei Banken Insiderhandel und Betrügereien aufdecken, nebenher messen sie aber auch die Sprache. Diese hat sich während der Pandemie verändert und deutet in vielen Fällen auf Mobbing und Belästigung hin. Dazu kommt, dass übergriffiges Verhalten in Krisenzeiten historisch immer zugenommen hat, während der Finanzkrise 2008 haben sich die Fälle in den USA beispielsweise vervierfacht.

Für die Schweiz verheisst das nichts Gutes. Erst kürzlich hat das Bundesamt für Statistik eine Studie zu Cybermobbing veröffentlicht. Sie zeigt, dass die Schweizer schon vor der Pandemie europaweit am stärksten davon betroffen waren.

Chef-Mobber zerstören Moral und Rendite

Es gibt erst wenige Studien, die das zerstörerische Verhalten im virtuellen Büro untersuchen. Eine dänische Studie zeigt, dass ein Drittel der Mobber die Chefs selbst sind. Wenn Vorgesetzte andere kränken, wiegt das besonders schwer. Toxisches Führen ist ansteckend und infiziert sämtliche Hierarchieebenen. Chef-Mobber kommen Firmen auch besonders teuer zu stehen. Ihr Verhalten schlägt auf Motivation, Leistung und Gesundheit. Unglückliche Menschen sind unproduktiv.

Was also tun?

Firmen müssen dringend über das neue Phänomen sprechen, Mitarbeiter sensibilisieren und trainieren. Experten sprechen sich auch für unabhängige Meldestellen aus, Hotlines oder einfache Online-Meldesysteme. Der beste Schutz ist aber eine respektvolle und wertschätzende Kultur.

Südkorea wollte sich nicht mehr auf die Wirtschaft verlassen und ist bereits drastischer eingeschritten. Die Menschenrechtskommission des Landes hat festgestellt, dass zwei Drittel der Einwohner schon gemobbt wurden. Die Hightech-Nation hat kalkuliert, dass Mobbing die Wirtschaft jährlich vier Milliarden Dollar kostet. Mobbern drohen nun Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren und Strafen von bis zu 25'000 Dollar. Und Angestellte, die Fälle melden, sind vor einer Kündigung geschützt.

In der Schweiz hat man ähnliche Vorstösse bisher abgelehnt, es gibt keine explizite Mobbing-Strafform, aber verschiedene arbeitsrechtliche Paragrafen, die Schutz bieten. Der Renditekiller Mobbing dürfte für viele Firmen Anreiz genug sein, ein solches Verhalten nicht zu tolerieren und nun für sichere digitale Arbeitsplätze zu sorgen. Hoffentlich. #aufbruch

Patrizia Laeri